Aphantasie – Wenn das innere Auge schweigt

Stell dir vor, du kannst keine Bilder in deinem Kopf erzeugen. Keine Gesichter, keine Orte, keine Erinnerungen. Für Menschen mit Aphantasie ist das Alltag. Wie wirkt sich das auf das Lernen aus, auf kreative Aufgaben, auf Beziehungen? Was kannst du tun, um Betroffene zu unterstützen? Und könnte es sein, dass auch dein Kind betroffen ist?

Meine Geschichte

Aktualisiert im Oktober 2026

Meine Geschichte

2010, während meiner Ausbildung, sprach ich mit einer Kollegin. Irgendwann erwähnte sie beiläufig, dass sie es manchmal als belastend empfinde, wie klar die Bilder vor ihrem inneren Auge seien. Sie müsse die Augen nicht schliessen. Die Bilder seien einfach da. Gesichter. Orte. Erinnerungen. Manchmal unangenehm deutlich. Was sie beschrieb, würde man heute als Hyperphantasie bezeichnen.

Ich war irritiert. Nicht, weil mir das bekannt vorkam, sondern weil es mir völlig fremd war.

Wir sprachen weiter. Sie beschrieb ihre inneren Bilder genauer, und ich versuchte zu verstehen, was sie meinte. Irgendwann wurde uns beiden klar, dass wir grundlegend unterschiedlich funktionieren. Nicht besser oder schlechter. Einfach anders.

Ich sah nichts. Keine Bilder. Keine Szenen. Keine inneren Filme. Nur Schwarz. Stattdessen Wissen, Worte, Strukturen, Zusammenhänge. Damals hatte dieser Unterschied für mich noch keinen Namen. Erst durch weitere Recherche stiess ich auf den Begriff Aphantasie. Zu dieser Zeit gab es kaum Informationen dazu. Wenige Studien. Kaum öffentliche Aufmerksamkeit.

Ich habe nicht durch einen Test oder einen wissenschaftlichen Artikel herausgefunden, dass ich Aphantasie habe. Sondern durch ein Gespräch.

Sehen oder vorstellen?

Bevor es weitergeht, eine Klärung. Sie ist mir wichtig, weil hier die meisten Missverständnisse entstehen.

  • Sehen passiert mit den Augen. Mit geschlossenen Augen sieht niemand etwas.
  • Sich etwas vorstellen meint das innere Bild, das beim Denken entsteht. Viele Menschen haben ein solches Bild, wenn sie an einen Apfel, an ein Gesicht oder an den letzten Urlaub denken. Mal ist es blass, mal sehr deutlich.
  • Aphantasie bedeutet: Dieses innere Bild entsteht nicht. Man weiss, wie ein Apfel aussieht. Man sieht ihn aber nicht vor dem inneren Auge.
  • Hyperphantasie ist das andere Ende: Das innere Bild ist so lebendig, dass es sich fast wie echt anfühlt.

Wenn das innere Auge schweigt

Hast du schon einmal versucht, dir eine Figur aus deinem Lieblingsroman vorzustellen? Wie Frodo und Sam den Schicksalsberg hinaufgehen? Siehst du die Lava, spürst du die Hitze, hörst du das Knistern des Feuers?

Für Menschen mit Aphantasie bleibt das innere Auge still. Es erscheinen keine Bilder. Es gibt kein inneres Kino.

Schätzungsweise 2 bis 4 Prozent der Bevölkerung erleben das so. Trotzdem ist Aphantasie bis heute wenig bekannt. Viele Betroffene merken erst als Erwachsene, dass «Stell dir vor» für andere etwas ganz anderes bedeutet als für sie.

Was ist Aphantasie?

Aphantasie beschreibt, dass willentlich keine inneren Bilder entstehen. Menschen mit Aphantasie sehen vor ihrem inneren Auge keine Gesichter, keine Landschaften, keine Szenen aus der Erinnerung. Sie greifen stattdessen auf Wissen, Sprache und Zusammenhänge zurück. Aphantasie ist keine Krankheit. Sie ist eine Variante, wie Menschen denken.

Sie betrifft nicht immer nur das Sehen. Bei manchen Menschen fehlen auch innere Geräusche, Gerüche, Berührungen oder Bewegungsvorstellungen.

Wie fühlt sich das an?

Stell dir vor, du versuchst, das Gesicht eines geliebten Menschen vor dir zu sehen, und es bleibt leer. Oder du möchtest dir einen Weg durch eine Stadt vorstellen, aber es entsteht keine innere Karte. Du weisst, wo die Bäckerei ist. Du siehst sie nur nicht. So beschreiben viele Menschen mit Aphantasie ihren Alltag.

Ein Spektrum

Aphantasie gibt es in verschiedenen Ausprägungen. Manche Menschen können überhaupt keine inneren Bilder erzeugen. Andere erleben sie schwach oder verschwommen. Am anderen Ende stehen Menschen mit Hyperphantasie, deren innere Bilder aussergewöhnlich lebendig und detailreich sind.

Wo entsteht das innere Bild?

Spannend ist auch die Frage, wo Menschen ihre inneren Bilder erleben. Der Neurowissenschaftler D. Samuel Schwarzkopf hat 2024 vorgeschlagen, zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden: Manche erleben ihre Vorstellungen direkt vor den Augen, fast wie über die echte Welt gelegt. Andere haben durchaus klare Vorstellungen, erleben sie aber eher «im Kopf» und nicht im Blickfeld. Eine Befragungsstudie von Sulfaro und Kollegen (2024) fand, dass die meisten ihre Bilder vor sich verorten, viele aber auch im Kopf.

Diese Unterscheidung ist noch jung und vor allem durch Selbstberichte gestützt. Sie hilft aber bei einem häufigen Missverständnis: Wer mit geschlossenen Augen «nur Schwarz» sieht, kann trotzdem innere Bilder haben, eben im Kopf statt vor den Augen. Bei Aphantasie entsteht das Bild nirgends. Weder im Kopf noch vor den Augen.

Ein irreführender Begriff

Aphantasie wird oft mit fehlender Fantasie gleichgesetzt. Das stimmt nicht. Was fehlt, sind innere Bilder, nicht Kreativität oder Vorstellungskraft. Viele Menschen mit Aphantasie sind kreativ. Sie denken und gestalten nur auf anderen Wegen.

Und was ist mit Träumen?

Diese Frage kommt fast immer. Träume entstehen von selbst, man ruft sie nicht willentlich ab. Darum ist Träumen etwas anderes als sich bewusst etwas vorzustellen. Schon in der ersten grossen Studie von 2015 berichtete ein Grossteil der Befragten mit Aphantasie von Bildern im Traum. Spätere Untersuchungen zeigen allerdings, dass Menschen mit Aphantasie im Durchschnitt seltener und weniger lebhaft träumen. Auch hier gilt: Es ist sehr unterschiedlich.

Kann man das trainieren?

Online kursieren immer wieder Versprechen, dass man innere Bilder lernen könne. Eine wissenschaftlich belegte Methode dafür gibt es bisher nicht. Ich finde das auch nicht schlimm. Wichtiger als ein Training ist, dass Kinder und Erwachsene Wege finden, die zu ihrer Art zu denken passen.

Was die Forschung sagt

Beschrieben wurde das Phänomen schon 1880. Francis Galton bat damals Menschen, sich ihren Frühstückstisch vorzustellen, und stellte fest, dass manche dabei gar kein Bild hatten. Danach verschwand das Thema für über hundert Jahre fast vollständig aus der Forschung.

Erst 2015 prägte der Neurologe Adam Zeman mit seinem Team den Begriff Aphantasie. Ihre Studie «Lives without imagery – Congenital aphantasia» löste ein neues Forschungsinteresse aus und machte Aphantasie als eigene kognitive Variante sichtbar.

Seither ist einiges passiert:

  • Keogh und Pearson (2018) konnten Aphantasie erstmals objektiv messen, nicht nur über Fragebögen. In einem Wahrnehmungsexperiment zeigte sich, dass Vorstellungen bei Menschen mit Aphantasie die spätere Wahrnehmung nicht beeinflussen, wie es bei anderen der Fall ist.
  • Dawes und Kollegen (2020) fanden, dass Aphantasie oft auch andere Sinne betrifft, etwa Geräusche, Gerüche oder Berührungen. Zudem erinnerten sich die Betroffenen an eigene Erlebnisse weniger detailreich und berichteten seltener von lebhaften Träumen.
  • Wicken, Keogh und Pearson (2021) liessen Menschen gruselige Geschichten lesen und massen ihre körperliche Reaktion. Bei Menschen mit Aphantasie blieb sie weitgehend aus. Beim Anschauen gruseliger Fotos reagierten sie dagegen genauso wie andere. Das deutet darauf hin, dass innere Bilder bei vielen Menschen eine wichtige Rolle für Gefühle spielen, die beim Lesen oder Erinnern entstehen.
  • Schwarzkopf (2024) machte darauf aufmerksam, dass innere Bilder nicht nur unterschiedlich deutlich sind, sondern auch an unterschiedlichen Orten erlebt werden, und dass gängige Fragebögen das nicht sauber erfassen.

Wie erkennt man Aphantasie?

Ein häufig genutzter Fragebogen ist der VVIQ, der «Vividness of Visual Imagery Questionnaire» des britischen Psychologen David Marks. Man stellt sich verschiedene Situationen vor und bewertet, wie lebendig das innere Bild ist:

  1. Kein Bild, nur Wissen
  2. Ein sehr schwaches oder verschwommenes Bild
  3. Ein mässig lebendiges Bild
  4. Ein klares und realistisches Bild
  5. Ein extrem lebendiges Bild, fast wie echtes Sehen

Wer immer wieder bei 1 landet, hat sehr wahrscheinlich Aphantasie. Probier es ganz einfach aus: Stell dir einen roten Apfel vor. Wie deutlich siehst du ihn, von 1 bis 5? Ich bin eine 1.

Der VVIQ ist ein Selbsttest und keine Diagnose. Er misst, wie Menschen ihre Bilder beschreiben, und Beschreibungen können sich unterscheiden. Für eine erste Einordnung ist er trotzdem hilfreich.

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Leben mit Aphantasie

Menschen mit Aphantasie entwickeln häufig eigene Strategien. Viele denken stark logisch, strukturiert und sprachlich und sind oft stark im abstrakten Denken.

Herausfordernd wird es dort, wo stillschweigend innere Bilder vorausgesetzt werden: beim Beschreiben von Personen, Orten oder Erlebnissen, beim Erinnern an gemeinsame Momente, beim Planen mit einem «Zielbild» im Kopf. Statt auf Bilder greifen Betroffene auf Fakten, Beschreibungen und Abläufe zurück. Das funktioniert. Es braucht nur jemanden, der weiss, dass es diesen anderen Weg gibt.

Aphantasie kann zum Beispiel diese Bereiche berühren:

  • Erinnern ohne innere Bilder
  • Planen ohne inneres Zielbild
  • Kreative Aufgaben ohne bildhaften Ausgangspunkt
  • Gesichter wiedererkennen und beschreiben
  • Orientierung und Wege finden
  • Trauer ohne innere Bilder von gemeinsamen Momenten

Warum das für Schule und Begleitung wichtig ist

Viele pädagogische und therapeutische Methoden setzen innere Bilder einfach voraus. «Stell dir dein Ziel vor.» «Stell dir deine Angst als Form vor. Welche Farbe hat sie?» «Stell dir ein Meer vor …» Für Menschen mit Aphantasie führen diese Zugänge ins Leere.

Ich erinnere mich gut an Traumreisen in meiner Kindheit. Alle schlossen die Augen, und die anderen waren offenbar am Strand. Ich sah: Schwarz. Und dachte jedes Mal: «Hä?»

Kinder mit Aphantasie haben bei solchen Aufgaben schnell das Gefühl, etwas falsch zu machen. Dabei denken sie nur anders. Ein Kind, das bei der Traumreise zappelt, langweilt sich vielleicht gar nicht. Vielleicht sieht es einfach nichts. Darum ist es so wichtig, Verhalten nicht vorschnell als Widerstand oder Desinteresse zu lesen.

Ein weiteres typisches Beispiel ist die Aufgabe «Beschreibe dein schönstes Ferienerlebnis». Während andere innere Bilder abrufen, erinnern sich Kinder mit Aphantasie an Fakten: Wir waren in Italien, das Wasser war warm, es gab jeden Tag Glace. Auch das ist eine Erinnerung. Sie sieht nur anders aus.

Was statt «Stell dir vor …»? Fünf Ideen

«Stell dir vor» darf bleiben. Es braucht nur einen zweiten Weg für die Kinder, die Schwarz sehen. Diese Ideen helfen übrigens allen Kindern, nicht nur denen mit Aphantasie.

1. Echt statt vorgestellt

Bring das Meer mit: eine Muschel, Sand in einer Schale, ein Glas Salzwasser. Was man anfassen kann, braucht kein inneres Bild. Auch Karten, Modelle oder Bilder machen Abstraktes greifbar.

2. Hören, riechen, fühlen

Statt «Stell dir vor» lieber: «Hör mal. Riech mal. Fühl mal.» Meeresrauschen abspielen, Sand durch die Finger rieseln lassen, an Sonnencreme riechen. Echte Sinneseindrücke sind für alle zugänglich.

3. Beschreiben statt sehen

Konkrete Worte tragen auch ohne Bild: «Das Wasser ist kalt. Die Wellen kommen und gehen. Du hörst Möwen.» Klare, schrittweise Beschreibungen ersetzen das innere Bild durch Wissen.

4. Bewegen

Wellen mit den Armen machen. Wie eine Möwe durch den Raum gehen. Szenen nachspielen. Der Körper erinnert sich, auch ohne Bild.

5. Fragen

«Siehst du etwas, wenn du die Augen schliesst?» Eine einfache Frage, ohne Wertung. Manche Kinder hören sie zum ersten Mal. Und manche Erwachsene auch.

Auch Schreiben, Mindmaps oder Checklisten helfen, Gedanken zu ordnen. Und es lohnt sich, die Stärken bewusst einzubinden, die viele Menschen mit Aphantasie mitbringen: Struktur, Logik, genaues Beschreiben.

Fazit: Unsichtbare Vielfalt im Denken

Aphantasie zeigt, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, zu denken, sich zu erinnern oder sich etwas vorzustellen. Wir sagen alle «Stell dir vor» und glauben, wir meinen dasselbe. Dabei passiert in jedem Kopf etwas anderes.

Wenn wir Sprache, Methoden und Erwartungen ein wenig öffnen, finden mehr Kinder einen Platz. Nicht jedes Kind muss das Meer sehen. Es reicht, wenn es weiss, dass das Wasser kalt ist.

Quellen und Links

Studien

  • Zeman, A., Dewar, M. & Della Sala, S. (2015). Lives without imagery – Congenital aphantasia. Cortex, 73, 378–380. Zur Studie
  • Keogh, R. & Pearson, J. (2018). The blind mind: No sensory visual imagery in aphantasia. Cortex, 105, 53–60.
  • Dawes, A. J., Keogh, R., Andrillon, T. & Pearson, J. (2020). A cognitive profile of multi-sensory imagery, memory and dreaming in aphantasia. Scientific Reports, 10, 10022. Zur Studie
  • Wicken, M., Keogh, R. & Pearson, J. (2021). The critical role of mental imagery in human emotion: insights from fear-based imagery and aphantasia. Proceedings of the Royal Society B, 288. Zur Zusammenfassung
  • Schwarzkopf, D. S. (2024). What is the true range of mental imagery? Cortex, 170, 21–25.
  • Sulfaro, A. A., Robinson, A. K. & Carlson, T. A. (2024). Properties of imagined experience across visual, auditory, and other sensory modalities. Consciousness and Cognition, 117, 103598.

Mehr erfährst du hier

  1. Aphantasia Network: eine Plattform für Austausch und Ressourcen rund um Aphantasie.
  2. BBC Science Focus: Aphantasia – what it’s like to live with no mind’s eye: persönliche Erfahrungen und wissenschaftliche Hintergründe (Englisch).
  3. SRF: Ein Leben ohne Bilder im Kopf: ein Beitrag des Schweizer Radios und Fernsehens zu Aphantasie und ihren Auswirkungen.
  4. Universität Bonn: Forschung zu Aphantasie: Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte.

Lesefortschritt

Kapitel des Beitrages

Julian Lehnhardt

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